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Was hat Rhina mit dem Rhein zu tun?

Aha! Rin – aha...
Was Rhina mit dem Rhein zu tun hat und warum die Rhinschen zwar (fast) griechisch heißen, aber eher von den Germanen getauft wurden
Dr. Bärbel Maul

„Rhina“ – das klingt schon immer exklusiv, fast geheimnisvoll. „Rhina“ ist allemal ein Name, der sich nicht sofort erschließt, wie zum Beispiel „Neukirchen“ oder „Holzheim“: Da ist die a-Endung, die sich stilvoll ausmacht zwischen Wetzlos und Stärklos, da ist die - zumindest lautlich gegebene - Nähe zum größten deutschen Strom, dem Rhein, oder auch zum Mittelgebirge, an dessen Ausläufern der Ort so elegant plaziert ist: die Rhön.

 

Wo der reine Menschenverstand nicht weiterhilft, da erweist sich ein Blick ins Lexikon meist als hilf- und segensreich: „Rhin-“ lernt man/frau hier, steht vor einem Vokal (a, e, i usw.), kommt aus dem Griechischen und heißt Nase. Als „Rhina(!)lgie“ z.B. wird eine Krankheit bezeichnet, die mit Schmerzen in der Nase einher geht. Sollten sich in grauer Vorzeit zwischen Haune und Herberg ein paar alte Griechen niedergelassen haben, die sich möglicherweise durch besonders formschöne oder doch zumindest auffällige, vielleicht auch chronisch schmerzende Nasen auszeichneten? Ist Odysseus gar nicht nach Hause zurückgekommen, sondern an und in der Rhön hängen geblieben? Fragen über Fragen! Doch da sich die „rhinschen“ Nasen ganz offensichtlich in Nichts von denen der umgebenden Dörfer unterscheiden, ist es erforderlich, sich in die Untiefen der deutschen Namensforschung vorzuwagen.

 

Die erste schriftlich fixierte Erwähnung nicht des Ortes, sondern des hindurch fließenden Baches stammt aus dem Jahr 801. Hier ist vom Gewässer Rinacha die Rede. Auch in einer späteren Grenzbeschreibung ist die Rinaha genannt. Sie begrenzte ein Areal, das Kaiser Otto II im Jahr 980 dem Kloster Fulda schenkte. Erst später, in der das Ortsjubiläum begründende entscheidenden Urkunde von 1003 ist tatsächlich der Ort Rinaha gemeint. Wer künftig den Ortsnamen in schriftlichen Dokumenten verwandte, nahm es nicht ganz so genau. Die Schreibweise variiert in einer bunten Mischung:

 

  • 1003 Rinaha
  • 1415 Ryna
  • 1494 Ryen
  • 1501 Reyn
  • 1746 Rhiena

 

Der Ortsname setzt sich aus zwei Teilen zusammen: „rin“ und „aha“. Aha – möchte man meinen, also irgend etwas mit „Nase“ und „Lichtblick“, weil nichts anderes drückt ja aus, wer sich mit „aha“ äußert. Doch wie uns die Namensforschung belehrt, wird nichts aus der Geschichte von den Nasen. „Rin“ steht im Germanischen für althochdeutsch „Wasser, Gewässer“ und wird aus einer indogermanischen Wurzel „rei“ für fließen abgeleitet. Zudem ist der Name nicht ganz so exklusiv wie es zunächst scheint. Darum heißt der Rhein nämlich auch Rhein, und darum gibt es schon in der näheren hessischen Nachbarschaft einige Flüsse, die ganz ähnlich benannt sind: Rin, Rien, Ryne, Rhene, Rhüna, Rühne, Rhüde. - Flüsse und Bäche fließen nun einmal...

 

Und auch bei „aha“ verschaffen wir uns besser anderweitig das gleichnamige Erlebnis. Es liegt das germanische Wort „ahwo“ für „fließendes Wasser“ zugrunde. Rhinaha ist also letztlich eine Doppelung: „fließendes Fließgewässer“ könnte man übersetzen. Ein weniger wohlmeinender Wissenschaftler vermutet hinter „rin“ in der Kombination mit „aha“ sogar Schmutzwasser. Dann wäre Rhina gleichsam das Gegenteil von Lauterbach (offensichtlich führte der dortige Bach klares – nämlich lauteres – Wasser). Und man könnte mutmaßen, daß die Anrainer des kleinen Wasserlaufs zwischen Stärklos und der Haune schon immer das taten, was ihr Spitzname (Die Boachs...) nahezulegen scheint.

 

Die Ursprünge des Namens „Rhina“ verlieren sich in einer Epoche, über die wir wenig wissen und viel spekuliert wird. Vermutlich entstammt er der Völkerwanderungszeit. Ob die Chatten, denen das Bundesland Hessen seinen Namen verdankt, den Bach so titulierten oder ob es die später angekommenen Franken waren, läßt sich kaum mit Sicherheit sagen. Vielleicht irgendwann zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert nach Christi setzte sich ein alter Germane oder eine nicht ganz so alte Germanin ungefähr in der Gegend um das Dorfgemeinschaftshaus nieder, taufte den Bach auf „Rinaha“ und ließ dabei einen Krug Met an den Kieseln im Flüßchen zerschellen.

 

Oder möglicherweise war alles ganz anders und es waren doch die alten Griechen? Wie heißt es im Griechischen so schön? „Panta rhei“ – alles fließt!

 

 

Für freundliche Beratung danke ich Dr. Michael Gockel vom Hessischen Landesamt für Geschichtliche Landeskunde.

 

Tips zum Weiterlesen:

  • Adolf Bach: Deutsche Namenkunde. Heidelberg 1981.
  • Walter Pohl: Die Germanen. München 2000.
  • Heinrich Reimer: Historisches Ortslexikon für Kurhessen. Marburg 1926.