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Eine Stätte des Friedens

 

Irgendwann hat ein jeder auf seiner Wanderschaft durch dieses Leben seine vorletzte Station erreicht, den Platz gefunden, an dem er seinen Lebensabend zu verbringen gedenkt. Dort möchte er sein Umfeld, die Menschen kennen lernen und möglichst neue Bande knüpfen, kurzum sich eine neue Heimat schaffen.

 

Kaum eine andere Einrichtung gibt mehr Auskunft über die Eigenschaften, Vorstellungen und Wesensart der Bewohner eines Ortes als ihr Friedhof. So ist es naheliegend, die ersten Eindrücke an dieser Stätte zu gewinnen.

 

Links der Straße in Richtung Wehrda am Ortsausgang auf einer Anhöhe liegt der Gottesacker Rhinas.

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Schon beim Betreten der Anlage wird man unweigerlich von der schlicht und angemessen gestalteten Friedhofshalle angezogen. Im Eingangsbereich sind zwei Tafeln zum Gedenken an die Toten beider Weltkriege angebracht. Die Anzahl der Namen lässt erkennen, dass die beiden Kriege schmerzliche Lücken in manche Familie gerissen haben.

 

Folgt man den sorgfältig angelegten Wegen, erreicht man die Grabreihen. Ausnahmslos gepflegt, mit Blumenschmuck versehen, die Namen der Verstorbenen sind in meist polierten Grabsteinen eingemeißelt. So lässt sich verfolgen, wer Vater, Sohn oder Bruder in einem der Kriege verloren hat. Verschiedene Namen wie Adler, Bacharach, Buchsbaum, Geis, Katz, Katzenstein, Klebe, Pfifferling und Viktor aber sucht man vergebens. Waren das Fremde, Alleinstehende ohne Familien, oder sind die Familien etwa verzogen?

 

Unweit von Rhina befindet sich ein weiterer Friedhof. In den Sommermonaten ist er nur schwer zu entdecken, wird er doch durch Laubbäume von der Bundesstraße her geschützt. Schon von außen lässt sich erkennen, dass es sich hier um einen Friedhof ganz anderer Prägung handelt.

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Von einer Hecke umfriedet, mit einem Tor versehen, das üblicherweise verschlossen ist, empfängt den Besucher eine würdevolle Stille. Im Eingangsbereich erinnert eine Gedenktafel an die Opfer deutscher Willkürherrschaft. Spätestens jetzt weiß der Besucher, dass es sich um einen Friedhof jüdischer Mitbürger handelt. Kein ausgebauter Weg führt zu den Grabstellen, einheitlich gegen Osten ausgerichtet und in Reihen angelegt. Einige Gräber liegen etwas abseits wie abgesondert.

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Auffällig ist, dass keines der Gräber in irgendeiner Form geschmückt ist. Man findet lediglich die Ruhestätte mit Gedenkstein. Jedes einzelne Grab bleibt sich selbst überlassen. Die Steine, der ständigen Witterung ausgesetzt, zerbröckeln, weisen Spuren ihres Alters und in manchen Fällen leider auch der mutwilligen Zerstörung - auf.

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Deutlich wird, wie vergänglich doch alles Irdische ist. Niemand scheint sich um den Totenhof zu kümmern. Nur ab und zu entdeckt man Steinchen, die auf den Grabsteinen oder den Einfassungen liegen.

 

1838 fand die erste Beisetzung statt. Die letzte hundert Jahre später. Genau hundert Jahre. Zufall, Fügung? Geht man durch die einzelnen Reihen der 276 Grabstätten, so stellt man fest, dass die Inschriften je nach Zeitraum in unterschiedlicher Schrift und Sprache abgefasst sind, in hebräisch, in deutsch oder in beiden. Besondere Zeichen, wie zwei aneinander liegende Hände, Krüge oder ein Stern (Hexagramm) zieren die Denkmale.

 

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Und hier finden sich auch die Namen der Familien wieder, die als Deutsche mit Deutschen ihr Leben für ihr gemeinsames Vaterland lassen mussten.

  

Beklommenheit befällt den Betrachter, wenn ihm klar wird, weshalb in neuerer Zeit keine Beisetzungen mehr stattgefunden haben. Lässt doch die große noch freie Fläche den Schluss zu, dass man ursprünglich von einer weiteren Nutzung ausgegangen war. Eine Inschrift neueren Datums auf einem Grabstein vermittelt ein Gefühl der Scham, aber auch der aufkommenden Wut.

 

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Der Stein trägt die Namen der Familienmitglieder, die im KZ umkamen

Am Ausgang wendet man sich unweigerlich um und lässt diese Anlage in ihrer Gesamtheit noch einmal auf sich wirken.

 

Und ohne sich intensiv mit der jüdischen Religion und Lebensart befasst zu haben, glaubt man zu begreifen, warum ein Friedhof so gestaltet ist, zu "einem Haus des ewigen Lebens". In einem Buch mit eben diesem Titel findet sich ein Gedicht, das diesen Eindruck unterstreicht,

 

Der jüdische Friedhof in Rhina - wahrlich eine Stätte des Friedens - die letzte Station auf Erden.

Alle Fotos Elfriede Jeuthner